Mittwoch, 12. August 2026

Die Punkerkartei

 

 

Do you remember Hannoveraner Punker-Kartei?

 

Die Punker-Datei, der Alptraum aller Punks, vereinzelt auch Punker-Kartei genannt, wurde circa 1982 in der Landeshauptstadt von Sachsen-Nieder ins Leben gerufen. Es war der verzweifelte Versuch der gealterten NS-Eliten, die vielerorts aufflammende Punkszene einzudämmen, zurückzudrängen und den Vormarsch öffentlichen Komasaufens Herr zu werden. Ergo wurden Punx, Pseudos und punkähnliche Gestalten von der Polizei Sachsen-Nieder auf bis dato ungeklärte Weise datentechnisch erfasst, identifiziert, getaggt und katalogisiert. Datenschutz existierte zu der Zeit lediglich als ein unausgereiftes Gesetzeskonstrukt.

      Selbst über 40 Jahre nach Inkrafttreten der Punker-Erfassung in der hannoveraner Punker-Datei ist immer noch nicht zweifelsfrei geklärt, wie die Exekutive bei der Identifizierung der Punkrockszene im Detail vorging, ob die Erkennung mittels Spitzel und Fotos bzw. Videoaufnahmen erfolgte oder wie auch immer.

Wie konnten die Altnazi-Schergen im hannoveraner Innenministerium die Gesetzgebung und den Datenschutz dermaßen kühn zurechtbiegen, um die Punks auszuspitzeln und vor vollendete Tatsachen zu stellen?

      Die Existenz der Punk-Datei wurde zunächst geheim gehalten. Sie flog erst auf, als ein ehrlicher Polizist eine Liste mit Klarnamen von Punks and die Taz weiterreichte, die darüber berichtete.

      Es wurde nicht bekanntgegeben, welche Daten über die Punks erfasst wurden, ob es pro Punk sogar mehrere Fotos waren, Fotos von ED-Behandlungen, heimlich geschossene Fotos von Punkertreffen, heimlich erstellte Aufnahmen, ohnmächtige Punks oder sogar zweckentfremdete Privatfotos.

Wurden auch Lebenslaufdaten verwendet?

      Die Punkszene hatte nur wenige Optionen, dieser Massenüberwachung einer Jugendkultur etwas entgegenzusetzen. Punks konnten Ratsverhandlungen sprengen oder Hauseingänge blockieren, um auf die Punker-Kartei aufmerksam zu machen. Punks konnten in ihren Punk-zines über diese Ungerechtigkeit berichten oder sie konnten einen Songtext darüber schreiben, was für die Thematik sensibilisieren konnte, wie die Punkband Boskops mit dem Song „Punkkartei“.

      Wie es sich für eine musikbasierte Jugendkultur gehört, protestierten die Punx schlussendlich mit dem Organisieren von Punkkonzerten im Rahmen eines großen Punktreffens, das unter der Bezeichnung „Hannoveraner Chaostage“ in die Geschichtsbücher einging.

Der Begriff „Chaostage“ wird selbst heute gern synonym verwendet, wenn in Politik und Gesellschaft etwas aus dem Ruder läuft und temporär chaotische Zustände herrschen.

      Dennoch sollte heutigen Generationen der Begriff Chaostage erklärt werden, wo er herstammt und was zu diesem Kuriosum geführt hat, denn sie wissen nicht, was die Chaostage waren, nämlich eine Protestveranstaltung gegen die Punker-Datei und das verbohrte Altnazi-Establishment. Die Chaostage waren ein Schrei nach Liebe, ein Schrei nach Punkrock.

      Fortan wurde der Protest gegen die Punker-Kartei jährlich zelebriert mit viel Gegengegenwehr durch die Polizei, bis die Cops die Eventreihe von Jahr zu Jahr immer weiter zur Eskalation brachten, um die Punkrocker zu diskreditieren, um ihrerseits erst eine Legitimation für die monströse Punker-Kartei zu schaffen. Doch das internationale Punkrockertum wollte sich nicht geschlagen geben und antwortete mit viel Kreativität und einer ernstzunehmenden Punkrockrevolution in allen Städten.

      Die Hirngespinste der Polizei gingen sogar so weit, dass Schüler und Kinder in der Punker-Kartei landeten mit der Begründung, dass das ja die Terroristen von Morgen seien, quasi die Brigitte Mohnhaupt und der Holger Meins von Morgen. All das, obwohl bis dato keine Straftaten im physikalischen Sinne vorgefallen waren. Denn Punk sein ist keine Straftat, auch wenn manche Altnazis das nicht wahrhaben wollten, die zu der Zeit teils immer noch Begriffe aus der NS-Zeit importierten.

      Die Technik war damals noch nicht so weit vorangeschritten, dass die Cops den Punkrockern auf Knopfdruck unterschiedliche Haarschnitte und Haarfarben zuordnen konnte, oder ihnen andere Jacken überstreifen konnte wie bei einer vierschichtigen Blätterfolie. Grundsätzlich war das analog zwar möglich, aber das sah so dilettantisch aus, dass die Punkrocker, wenn man ihnen plötzlich einen anderen Iro aufsetzte, eckige Köpfe hatten, oder wenn die Körperproportionen einfach nicht mehr stimmten.

      Eine weitere Frage lautet, ob ein erfasster Punk jemals wieder aus der Punker-Datei herauskommen kann, und ob Hannoverurlauber mit Nietenjacken und Punkfrisuren ebenfalls erfasst wurden. Und was geschah mit den Faschingspunks, die einmalig als Punkrocker den Fasching begangen?

      Das war lange bevor Biometrie und Face-Erkennung die Gemüter erregten, dazu Profiling, Bewegungsprofile, Lagebildabfragen, Sprechererkennung, Echtzeit-Massenüberwachung, Fingerprinting und Datenverknüfung. Dennoch war die Trickkiste der Cops in den 80ern nicht zu unterschätzen und galt als Grundstein moderner Massenüberwachung inklusive Rasterfahndung, Ringfahndung, Wanzen und Lauschangriff. Diese Trickkiste war vergleichsweise frei von technischen Gimmicks und deshalb vielleicht sogar von Perfektionsgrad und Bösartigkeit unerreichbar.

      Bald sprach sich im ganzen Land herum, nicht nur bei den Punks, dass in Hannover eine Punker-Kartei existiert. Und viele bekamen Angst, dass eine solche Kartei nicht nur in Hannover existierte, sondern vielleicht sogar in ihrer Stadt oder sogar bundesweit in allen 11 Bundesländern. Deshalb war die Solidarität zu den erfassten hannoveraner Punks sehr groß. Es war die erste große Verdachtskartei, in der präventiv alle Zugehörigen der „Kategorie Punk“ im Steckbrief-Style erfasst wurden, ob sie eine Straftat begangen hatten oder auch nicht. Sogar Mädchen waren dabei.

      Heutzutage freuen sich die Cops, wenn sie vereinzelte Punx auf der Straße sehen, denn es sind nur Punx und keine Bösewichte. Auf der anderen Seite gab es sie wirklich, die Punks, die den Staat zerschlagen wollten, die jedoch zumeist besoffen oder auf Drogen und deshalb handlungsunfähig waren. Es gab sogar Kinder in Punkszene, die die älteren Punks aufstachelten. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Christian Klar vielen Punx als Vorbild galt.

      Die Einführung der Punker-Datei war ein abgekartetes Spiel, da die Cops wussten, dass sie die Punks auf diese Weise erst richtig aufstacheln konnten. Schon das Wort „Punker“ statt Punk oder Punkrocker war Provokation genug. Dabei hätten die Schergen wissen müssen, dass sich bei Punks die Frisur und Haarfarbe schneller ändern als die Dienstgrade der Cops. Darüber hinaus setzte zu der Zeit der Trend ein, dass einige Punks zu Skinheads mutierten, was den Wiedererkennungseffekt weiter reduzierte, zumal vermutlich Doppelprofile angelegt wurden, sowohl in der Skinhead-Datei als auch in der Punker-Datei.

      Die Cops waren damals schon der Überzeugung, dass sie mit Punk-Kartei, Rasterfahndung und Wanzen jene Instrumente besaßen, um die Kriminalität ein für alle Mal auszumerzen. Die Punker-Datei entsprang einer schmutzigen Polizeifantasie, den totalen Polizeistaat zu errichten, bei dem auf Knopfdruck der Täter präsentiert wird, ein Staat, in dem kein Platz für Punkrock war. Wie hoch der Frauenanteil in der Hannoveraner Punker-Kartei war, wurde nie publik, ob auch Art und Form der Tätowierungen und Anzahl der Piercings erfasst wurden und Details aus dem Sexualleben der Punk-Girls einflossen. Zu ersten Indizierungen von Platten war es bereits gekommen: die erste Slime-LP „Slime“, die Ärzte-EP „ab 18“, Buttocks-EP „vom Derbsten“, sowie der Sampler „Soundtracks zum Untergang 1“.

      Es ging auf Seiten der Cops primär darum, mit der Punker-Datei zu provozieren, Unruhe zu stiften und einzuschüchtern. Das war im Prinzip die einzige Aufgabe. Und heutzutage ist es mit modernen KI-gesteuerten Polizeimethoden genauso. Sie sollen abschrecken, Kriminelle provozieren und eine absolute Sicherheit suggerieren, was eine Illusion ist. Ein Polizist, der denkt, dass eine Schergen-KI auf Knopfdruck einen Täter serviert, ist ein Idiot. 

 

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Mittwoch, 1. Juli 2026

LESUNG Pop up Irish Pub auf der KiWo '26

 

Hallo, hier ein Foto von meiner Lesung am Dienstag, 23.6.2026, am Pop up Irish Pub auf dem Kieler Rathausplatz zur Kieler Woche 2026. Es hat richtig Spaß gebracht. 

Hier der Link zum vollständigen Hörbuch bei Youtube als Playlist: 

 https://www.youtube.com/playlist?list=PLtjs_Sf7GYjnLNSJmIYhZhJBpmfMmfv_t

Ich werde demnächst noch einmal alle 15 Radio-Sendungen in ein Video setzen und das Gesamtvideo als Hörbuch von ca. 16 Stunden bei Youtube hochladen. 

Sonntag, 21. Juni 2026

Lesung Kieler Woche 2026


Moin! Es stehen nächste Woche 4 kurze Lesungen auf der Kieler Woche an, auf dem Rathausplatz am Irish Pub, der sich vis-à-vis zum Hiroshimapark neben dem Bühneneingang der Oper befindet. Jeweils Dienstag und Mittwoch um 14.30 h und 17.30 h plusminus ein paar Minuten. cu soon. 🤣




Sonntag, 24. Mai 2026

Sendung Nr. 1 des Hörbuchs online !!!


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Die erste Sendung des Hörbuchs von PSEUDO ist bei Youtube hochgeladen. 

Here we go:

⇨  PSEUDO - Ein Punkroman, SENDUNG Nr. 1



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Sonntag, 3. Mai 2026

Betr.: "Punker-Kartei" bzw. "Punker-Datei"

Apropos "Punker-Kartei":

Eine Collage zum Thema "Punker-Kartei". Wurde ganz groß diskutiert in den 80ern, und es hat richtig geknallt deshalb. Stichwort Chaostage. Über die Jahre gab es viele schreckliche und voll fiese Karteien, die Vater Staat über uns angelegt hat, Punker-Kartei, Skinhead-Kartei, Dealer-Datei, Hausbesetzer-Kartei, und wir erinnern uns an die Soko-Straßenclubs in Kiel. Ergo muss es auch eine Straßenclub-Kartei gegeben haben. Die Zeitungsschlagzeilen stammen aus Zeitungen aus der Region Hannover um 1983/84 herum. Danke an K.N. für den Downloadlink.


 

Dienstag, 13. Januar 2026

Hörbuch PSEUDO, immer Montags ab 21 h auf Kiel FM

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Ahoi! Frohes & gesundes 2026!
Seit dem 5.1.2026 läuft PSEUDO als Hörbuch auf Kiel FM beim OKK, immer montags ab 21h - UKW & live stream (mindestens bis Ende März).
🗣🎙📻
Würde mich freuen, wenn Ihr mal einschaltet.  Hier der Link zu Kiel FM:


https://www.oksh.de/ki/hoeren/kiel-fm-livestream/


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Montag, 1. September 2025

KNEIPENTERRORISTEN in der Disco Böll

Neues von den subversiven Kneipenterroristen:

Die Kneipenterroristen in der Disco Böll

 

Es bleibt ein Rätsel, weshalb so viele junge Menschen selbst heute noch einen Kult um die Kneipenterroristen betrieben, sogar Leute aus der Intellektuellen Szene, obwohl die Äußerungen des SC durchaus rechte Tendenzen aufweisen, besonders in Interviews mit der Presse.

 

Als ich das nächste Mal in die Bergstraße fuhr, wurde im Subway noch Eintritt genommen. Deshalb klapperte ich andere Läden in der Zappelgasse ab und stellte mich zumindest ins Foyer, um zu sehen, ob noch Eintritt genommen wird.

Wenn du aus Richtung Disco Flohmarkt durch den Gang auf den Eingang zum H. Böll zugingst, kamst du zunächst an einer kleinen Tresenniesche auf der linken Seite vorbei, deren Rückseite in die Tiefgarage des Parkhauses führte. Wenn du jedoch ein Stück weiter geradeaus auf das Böll zugingst, führte der Weg direkt am Alkoholtester vorbei, der nur wenige Meter vor dem Haupteingang der Disco H. Böll hing.

      Jedenfalls war im Böll kein Eintritt mehr, sodass ich einen kurzen Rundgang wagen konnte. Ich ging meistens entgegen dem Uhrzeigersinn um die Tanzfläche auf der rechten Seite am DJ-Pult vorbei, das nicht mit dem Tresen verbunden war. Es stand abgetrennt ungefähr fünf Meter von der linken Seite des Tresens entfernt, und die Gäste konnten zwischen dem linken Ende des Tresens und der DJ-Zone durchspazieren. Ich passierte die DJ-Loge. Der DJ arbeitete hochkonzentriert und legte ausschließlich Vinyl LPs mit Headbangermusik auf. Ich lief den Gang zwischen Tresen und den Spieltischen für Billard und Schwarzlicht-Hockey entlang, der die gesamte Tresenrückseite entlang bis zu den Herrentoiletten verlief, ging weiter um die Tanzfläche herum zurück Richtung Ausgang. Auf meinem Rundgang wurde mehrmals leicht angerempelt – vermutlich unabsichtlich. Ferner wurde ich von der Rockerszene mehrmals scharf angeglotzt und gemustert.

      Wenn ich Bekannte traf, zumeist trinkfesten Metalheads aus Kiel-Nord, oder Vorgänge auf der Tanzfläche meine Aufmerksamkeit erregten, blieb ich durchaus mal stehen, um zu glotzen oder mich zu unterhalten. Jedoch war die Musik für mich langfristig unerträglich, denn ich hasste alles an Metal und Hardrock und hörte ausschließlich Punk und Wave.

      Die Tanzfläche war quadratisch und mit ebenso quadratischen silberfarbenen Metallplatten ausgelegt. Hier standen überall Disco-Gänger aus der Metal-Szene. Du sahst viel Leder, lange Haare, Vukohilas, Headbanger, Jeans, Aufnäher und sogar Kutten. Auch die Veranda mit Sitzgelegenheiten zwischen Herren- und Damentoilette war gut besucht, als liefe hier ein Skatturnier. 

      Der Tresen im Böll war mindestens ebenso lang wie der im Hinterhof zwei Etagen höher im selben Gebäude. Einer der Tresen war mit Sicherheit der längste Tresen Kiels. Die Uhrzeit muss so zwischen ein und zwei gewesen sein. Besonders im beleuchteten Tresenbereich standen die Rauschschwaden wie Gardinen in der Luft. Es wurde rumgeast mit Getränken, sodass die Tresenkräfte mit dem Wischen nicht hinterherkamen. Auf der Theke standen teils Pfützen, sodass du einen Bierdeckel als Abzieher verwenden konntest. Vereinzelt lagen eingesiffte Getränkekarten aus. Die unzähligen Aschenbecher auf dem Tresen, an den Stehtischen und auf den Ablagen an der Tanzfläche quollen über. Sie waren randvoll mit ausgedrückten Kippen von Filterzigaretten und rochen unsportlich.

      An diesem Abend herrschte durchweg gute Laune. Die Meute am Tresen stand dichtgedrängt, ein Ansturm, als gäbe es etwas umsonst. Von den meisten Leuten sahst du nur den Rücken. Die Rocker saßen entweder auf Barhockern oder lehnten am Tresen, die Unterarme aufgestützt. Ich entschied mich, eine ganze Runde um den Tresen zu gehen. Plötzlich fielen mir ein paar Kuttenträger auf. Auf den Banderolen auf dem Rücken stand in großen Lettern der Name „Kneipenterroristen“. Mir war sofort klar, es handelte sich dabei um eine versoffene Rockergang oder gar einen neuen Kieler Straßenclub. Letzteres wäre der worst case für die Cops, die seit Anfang der 80er schon mehrere krasse Kieler Straßenclubs live auf der Straße erleben mussten. Doch diese hier schienen die Krönung der Geschmacklosigkeit zu sein.

      Es waren circa zehn bis 15 Kneipenterroristen anwesend, die einen Kieler Slang sprachen, der old-school und makaber wirkte. Es waren Low-Lifes und Schuldropouts mit rudimentärer Schulbildung.  Ausbildungsplätze Fehlanzeige, Support durchs Sozialamt Fehlanzeige.

Wer die erste große Welle der Straßenclubs in Kiel live miterlebt hat (Black Tigers, Tigers, Mad Boys, Mad Fighters, Living Deads, Bloody Eagles, Mad Butchers, Bombers), dem mag der der Name des Straßenclubs Kneipenterroristen anfangs etwas lächerlich vorgekommen sein. Doch selbst die Hartgesottenen entwickelten bald Unbehagen, aus Angst, teils aus Respekt. Augenscheinlich brauchten die Straßenrocker der Kneipenterroristen ihren Small-Town-Riot in der Berger. Diese unterste Trinker- und Rockerproletariat vom Ostufer okkupierte zwar den Tresen, jedoch nicht zusammen als Gruppe, sondern verstreut zwischen den vielen Nicht-Kuttenträgern. Alle Mann schienen sich zu kennen, unterhielten sich intensiv. Kiel zog an einem Strang, während die Hauptblickrichtung in Richtung Tresenpersonal ging, das  ausschließlich aus Frauen bestand, oder vis-a-vis zur gegenüberliegenden Seite des Tresens – entweder zur Tanzfläche oder in die düstersten Ecken mit den Spieltischnischen mit Billard und UV-Licht-Hockey. Die lauten Klack-Geräusche beim Schlagen des weißen Puks mit den weißen Schiebeschlägern und das Versenken der Scheibe in die Torschlitze waren am Tresen permanent zu registrieren. Einige spielten dieses UV-Licht-Hockey stundenlang, bis zur Ekstase, gingen nicht auf Sieg, sondern auf maximale Anzahl der Pukwechsel. Die Tresenfrauen schenkten im Eiltempo ein, sowohl Bier, Mischung als auch Kurze. Sie sondierten die Bestellungen, öffneten die Kühlschränke, kassierten ausschließlich bar und sorgten für geordnete Verhältnisse hinterm Tresen. Security brauchte hier niemand. Das regelten die Mitarbeiter und deren Anhang quasi ehrenamtlich – notfalls mit Faust und Kopfnuss.

      Das Böll schien überzukochen mit guter Laune. Hier traf sich das Hafenstadtproletariat. Hardrock-Frauen waren hier mit gut 30 Prozent deutlich in der Minderheit. Es war die Uhrzeit, zu der der Alk am besten lief, der Kipppunkt in der Disco, auf dem alle euphorisch waren und frenetisch schrien, bis gegen Ende langsam Erschöpfung, Suff und Müdigkeit die Oberhand gewannen. Daran konnten die Unmengen an Rum-Schuss nichts ändern. Aus den Boxen schallten Heavy Metal und Hardrock der übelsten Sorte, Musik, die meinereiner verabscheute, die jedoch die anwesenden Metal-Fans vergötterten. Der engstirnige DJ zog das gewohnte Programm durch. Obwohl die Disco ebenerdig war – ohne Treppen und Absenkungen, jedoch mit vereinzelten Stufen, über die du stolpern konntest –, stand der DJ sichtbar erhöht, sodass er den besten Überblick über die Tanzfläche hatte. Der DJ legte das Vinyl der Metal- und Hardrockklassiker der letzten zehn bis fünfzehn Jahre auf, alle Top-Hits von Motörhead, Iron Maiden, AC/DC, Judas Priest und wie sie alle hießen, sodass die Rocker sich ergötzten. Hätte jemand Punk gefordert, aufgelegt oder gar danach getanzt, hätte es eine Katastrophe gegeben und Blut wäre geflossen.

      Ich traf ein paar Bekannte aus dem Jugendtreff Buschblick, allesamt Heavy-Metal-Leute, teils ehemalige Living Deads, ein Straßenclub Kiel-Nord, der längst keine Kutten mehr trug. Der Club war nicht mehr aktiv und hatte sich im Prinzip aufgelöst. Sofern ich sie vom Fußball kannte, wechselte ich ein paar Wörtchen mit ihnen, wenn der Hardrocklärm und der Alkoholmissbrauch es zuließen. Viele wirkten euphorisch und jokular, bekamen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Das war die böse Fratze des Heavy Metals. Der Laden explodierte im Hardrocktaumel, als würden sie united den Advent der Kuttenträger Kneipenterroristen abfeiern. Doch all diese Asi-Rocker galten als rechtslastig, sowohl die Living Deads als auch die Kneipenterroristen. In den Augen der Polizei waren solch subversive Menschen eine eindeutige Perversion.

      Jetzt ging ich im Uhrzeigersinn um den Tresen. Im Gang zwischen Tresen und Tanzfläche kamen mir zwo Kuttenträger der Kneipenterroristen entgegen mit überschwappenden Bieren in den Händen. Unmittelbar davor ging ein unrasierter Mann in hellbrauner Schimansky-Jacke, der zu den Kuttenträgern gehörte. Das war kein Geringerer als Bernd Knauer, der Präsi der Kneipenterroristen. Sie waren offensichtlich nicht mehr Herr ihrer Sinne. Der „Club vom Ostufer“ war Stolz, dass er sich an diesem Abend so erfolgreich in der Disco Böll präsentieren konnte, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Dieser Abend war der Durchbruch der Kneipenterroristen in der Bergstraße. Sie waren jetzt Stadtthema Nummer eins. Da deuchte es vielen, dass diese Asi-Rocker der kommende große Straßenclub in Kiel sein würden. Wer sollte sie jetzt noch stoppen? Das Westufer schien geschlagen.

      Doch letztendlich hatten wir es hier erneut mit subversiven Asi-Rockern zu tun, die den Spießern Magenkrämpfe bereiteten. Schon ihre Sprache war eine Schande für Kiel. Sie waren so was von asozial, dass du zwangsläufig wieder Sympathien aufbautest, wenn da nicht dieser latente Straßenrassismus gewesen wäre – und darin bestand die Gefahr. Statt sich zu empören, mussten ihre Artgenossen schmunzeln und kuschen. Doch es wäre besser, sich nicht auf deren Niveau herabzulassen, besonders in puncto Straßenrassismus.